Interview mit Silver Mikk: Digitalisierung in Estland

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Interview mit Silver Mikk: Digitalisierung in Estland Foto © Silver Mikk

Inhalt

Herr Mikk, Sie sind Solution Consultant im Bereich Gesundheitswesen bei der Nortal GmbH und profunder Kenner der Entwicklungen und Anwendungen in Estland. Wie schätzen Sie den Fortschritt der Digitalisierung in Estland ein?

Estland ist, was den öffentlichen Sektor und das Gesundheitswesen angeht mit Sicherheit weiter, als viele andere Länder. Digitale Lösungen sind bei uns bereits so tief eingebürgert, dass es quasi ein Teil unserer DNA ist. Viele Esten sind sich darüber nicht mal mehr bewusst und merken das erst, wenn sie im Ausland sind. 

Wir haben hier ganz bewusst eine Vorreiterrolle eingenommen, die wir auch weiterhin verteidigen wollen. Wir sind also noch lange nicht am Ende, sondern schauen stets nach vorne und wollen unser Tempo halten.

 

Wenn Sie Estland mit dem deutschen Gesundheitssystem vergleichen – wo sehen Sie die wesentlichsten Unterschiede?

Wenn man die Größenunterschiede kurz vergisst, dann gibt es eigentlich nicht allzu viele Unterschiede. Estland hat sich vor 25 Jahren das deutsche Gesundheitssystem als Vorbild genommen und vieles kopiert – unter anderem auch die Datenschutzrichtlinien.

Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings die Art und Weise wie Probleme gelöst werden. Hier geht man sehr pragmatisch voran und versucht möglichst effektiv zu einer Lösung zu kommen. Es geht weniger um Perfektion und mehr um Fortschritt. Wenn ein Problem zu groß oder komplex ist, dann wird es in mehrere kleinere aufgeteilt und Schritt für Schritt angegangen.

 

Wie sieht für Sie die digitale Zukunft, etwa in 20 bis 30 Jahren, idealerweise aus? Was wird sich verbessern und in welchen Bereichen werden sowohl Unternehmen als auch Kunden bzw. Anwender profitieren?

Ich denke wir sind uns alle einig, dass wir in 20 - 30 Jahren deutlich weniger Ärzte und andere Heilberufe haben werden, als heute – das gilt für ganz Europa. Wenn wir trotzdem unser Gesundheitssystem aufrecht halten wollen, dann müssen wir eigentlich heute schon darüber nachdenken, wie wir diese riesige Herausforderung irgendwie meistern wollen.

In Estland heißt das, dass wir bereits jetzt sehr stark in Richtung personalisierte Medizin schauen – 20 % der Bevölkerung hat ihr Genom gespendet, mit der die Genombank in Tartu arbeitet und individuelle Vorsorge- und Therapiemaßnahmen entwickeln will. Wir werden sicher proaktiver werden müssen und individuell Krankheiten früher entdecken und behandeln müssen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass jeder Bürger mit Hilfe von irgendwelchen smarten Health-Apps alles selbst lösen wird – das ist Wunschdenken.


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